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Das Umdenken hat begonnen - Sportmedizin und die Risikofaktoren

Medizinische Untersuchungen sind längst nicht mehr nur für Kranke

02.02.2005

Von Dr. Willi Heepe und Jürgen Lock (SMS Berlin)

Der Beitrag "Das Umdenken hat begonnen" ist dem LAUFHEFT 2005 von SCC-RUNNING (Seiten 14 - 15) entnommen.
Dr. Willi Heepe (Medical Director) und Jürgen Lock sind Mitglieder des Medical Team vom real,- BERLIN-MARATHON und SCC-RUNNING.

Das LAUFHEFT 2005 wird an alle Stammteilnehmer jährlich verschickt und kann aber auch unter: info@berlin-marathon.com bestellt werden.

Regelmäßige sportliche Aktivität fördert die Gesunderhaltung.
Aber auch Sportler können trotz systematischem Training an angeborenen oder erworbenen Störungen des Herz-Kreislauf-Systems leiden. Bei Menschen, die regelmäßig Sport treiben, sind viele Risikofaktoren wie Bewegungsmangel, Übergewicht oder falsche Ernährung meist von vornherein ausgeschaltet.

Doch die nicht beeinflussbaren Risikofaktoren, etwa die familiäre Disposition, spielen eine wichtige Rolle. Sport kann, besonders bei Leistungssportlern, im Falle einer Herzkreislauf-Erkrankung sehr problematisch werden.

Fatales Motto: Was nicht wehtut, muss auch nicht untersucht werden
Die orthopädische Versorgung der Sportler ist gegenwärtig effizienter als die kardiologische, da meist ein spürbares Problem vorliegt. Das oft fatale Motto: Was nicht wehtut, muss auch nicht untersucht werden. Doch gerade die Vorbeugung, das Herz-Kreislauf- System betreffend, ist enorm wichtig.
In Deutschland erliegen jedes Jahr rund 900 Sportler dem so genannten plötzlichen Herztod als Folge von Herzrhythmusstörungen.
In der Regel lag dann eine Herzerkrankung vor. Dazu gehören Durchblutungsstörungen und der Herzinfarkt, der erhöhte Blutdruck und die Herzmuskelentzündung. Letztere tritt oftmals durch das Fortführen des Sports trotz eines Infektes auf.

Sportrisiko
Das Sportrisiko wird in zweierlei Hinsicht falsch eingeschätzt. Auf der einen Seite glauben viele Sportler, dass sie durch das sportliche Tun absolut gesund bleiben und keiner ärztlichen Betreuung bedürfen. Auf der anderen Seite sind Laien, die Todesfälle im Sport sehen, immer wieder geneigt zu sagen seht ihr, dass habt ihr vom Sport, da ist wieder einer tot umgefallen.

Virusinfekte können Herzmuskel involvieren
Die Risiken sind in einem bestimmten Umfang altersabhängig. Das heißt, zunehmende Durchblutungsstörungen des Herzens sind eher eine Domäne der älteren Sportler, während Infekte mit ihren Folgeschäden eher eine Domäne der jüngeren Sportler sind. Virusinfekte können Herzmuskel involvieren.

Wichtig ist folgendes zu wissen:
Jeder Virusinfekt kann aus den Schleimhäuten in den Körper übertreten, er kann beinahe jedes Gewebe befallen, auch den Herzmuskel. Für den Sportler ist es selbst nicht erkennbar, wie weit ein Virusinfekt in den Körper eindringt. Lediglich eine Beteiligung des peripheren Muskelsystems geht immer mit Muskelschmerzen einher, wird wahrgenommen und führt häufig zu einer Sportpause.
Eine Beteiligung des Herzmuskels an Virusinfekten ist außerordentlich schwierig zu diagnostizieren.

Stressechokardiografie
Der Arzt kann diese Virusinfekte am Herzen weder mit einem Ruhe- noch mit einem Belastungs- EKG erfassen. Auch die normale Echokardiografie gibt auf eine solche Virusinfektion keine Antwort. Die Laboruntersuchungen versagen zum großen Teil ebenfalls, so dass letztlich die Diagnostik auf tönernen Füßen steht und oft nicht konsequent erfolgt.
In den letzten Jahren hat sich die Stressechokardiografie in eine führende Position vorgearbeitet. Mit diesem Verfahren sind alle Veränderungen des Pumpverhaltens sehr gut erkennbar. Sie lassen jedoch eine Differenzierung zwischen entzündlicher Schädigung und Durchblutungsschädigung nicht immer zu. Laboruntersuchungen können im Standardbereich keine Aussage bringen, können aber eine Spezifizierung erreichen und deutliche Hinweise auf eine Infektschädigung geben.

Strukturveränderungen des Herzmuskels entzündlicher Natur oder auch durchblutungsgestörter Natur können erkannt werden
Unter den neueren diagnostischen Verfahren rückt die Magnetresonanztomografie (MRT) in den Vordergrund. Damit können Strukturveränderungen des Herzmuskels entzündlicher Natur oder auch durchblutungsgestörter Natur erkannt werden. Dieses Verfahren ist sehr jung, nur wenige Zentren verfügen über diese Technologie. Die Erfahrungen dieser Zentren gilt es zu nutzen.

Regelmäßige Check-up- Untersuchungen nötig
Was wir fordern, sind regelmäßige Check-up-Untersuchungen für den Breitensport und ganz besonders für den Spitzensport. Spätestens ab dem 35. Lebensjahr sollten kardiologische Untersuchungen neben den orthopädischen erfolgen. Diese sollten folgenden Standard beinhalten: körperliche Untersuchung, Ruhe- und Belastungs- EKG sowie Echokardiografie. Eine Standard-Laboruntersuchung ist sinnvoll, wobei früh über Entzündungsmediatoren genetische Strukturen erkannt und Risiken deutlich minimiert werden können. Insbesondere werden Krankheiten, wie angeborene oder erworbene Herzfehler, aufgedeckt,

Ein Umdenken ist angesagt
Blutdruckregulationsstörungen und Stoffwechselstörungen werden erkannt, die nicht immer durch den Sport behandelt werden können. Die Betroffenen können einer sportgerechten, dauerhaften Therapie zugeführt werden. In diesem Segment ist ein Umdenken angesagt. Es kann nicht sein, dass bei einem Marathon bis zu 40 % der Teilnehmer nie in ihrem Leben sportmedizinisch untersucht wurden. Es muss zum eigenverantwortlichen Selbstverständnis des Sportlers gehören, sich in eine vertrauensvoll arbeitende sportmedizinische Kontrolle einzuordnen.

Mit zunehmendem Alter jährliche Untersuchungen
Sinnvoll wären anfängliche Intervalle im Abstand von zwei bis drei Jahren. Mit zunehmendem Alter sind jährliche Untersuchungen sinnvoll. Ergeben sich Verdachtsmomente für eine relevante Erkrankung, dann sollte der behandelnde Sportmediziner das Potential besitzen, entsprechende Fachzentren anzusteuern. Diese Strategien bedeuten sozialpolitisch gesehen minimale Kostenfaktoren, die letztlich viel Leid und viele Folgeschäden verhindern können. Dieses volkswirtschaftlich zu rechnen, macht wenig Sinn. Dieses ethisch zu berücksichtigen, macht sehr viel Sinn.

Vorbildfunktion
Wir appellieren an alle Sporttreibenden eine Vorbildfunktion in einer sich wandelnden medizinischen Welt einzunehmen und sich regelmäßigen Kontrolluntersuchungen zu unterziehen. Wie ein Auto ohne Inspektion Letztlich hat jeder mit seinem Auto gelernt, Kontrollintervalle wahrzunehmen.
Lediglich mit dem geschenkten Gut ,Gesundheit wird noch so verfahren als würde man ein Auto 100.000 Kilometer fahren ohne den Ölstab zu ziehen, ohne Luftdruck zu kontrollieren und ohne eine Inspektion vorzunehmen.

Das Umdenken hat begonnen.
Es im breiteren Umfang in die Bevölkerung zu bringen, muss letztlich Aufgabe derer sein, die glauben durch den Sport eine gesündere Lebensweise für sich zu erreichen und damit auch eine Verantwortung für den Sport, für den Zuschauer, für sich und für die Familie zu markieren.


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