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DIE KOLUMNE ZUM MITTWOCH

06.06.2001

Hugh Jones berichtet über aktuelle Laufphänomene in England. Hugh Jones ist ehemaliger Weltklasseläufer, unter anderem Sieger des London Marathon 1982 in 2:09:24, und arbeitet zur Zeit als Generalsekretär der internationalen Veranstaltergemeinschaft AIMS.

Was bringt den Menschen auf Trab? Bei Kindern ist es purer Bewegungsdrang – sie sind impulsiv und ungeduldig. Erwachsene laufen eher zweckbewusst, wenn sie zum Beispiel einen Bus oder eine Straßenbahn erwischen wollen. Top-Läufer beziehen ihre Motivation aus einer Art Mischung von beidem: Jugendlicher Enthusiasmus verbindet sich bei ihnen mit dem Zweck, den Lebensunterhalt zu verdienen. Alle, die nicht zu dieser Kategorie zählen, – und die bilden die übergroße Mehrheit – benötigen einen anderen Ansporn zum Laufen.

Wie sieht dieser Ansporn aus? Welche magische Formel beschwört Tausende, an einem bestimmten Ort zusammen zu kommen, um dort zu laufen? In London sind wir derzeit Zeugen eines interessanten „Ausbruchs” von Laufenthusiasmus. Die populärste Distanz sind dabei 10km, doch bisher gibt es in Großbritannien kaum eine Veranstaltung von Rang und Namen, die diese Strecke anbietet. Der größte 10km-Lauf kam gerade einmal auf knapp 2000 Teilnehmer – eine lächerliche Zahl im Vergleich zum London-Marathon oder dem Great North Run. Doch neuerdings finden sich im Wettkampfkalender für London gleich drei Zehner innerhalb von drei Wochen. Und es sieht ganz so aus, als würde jede dieser Veranstaltungen rund 5000 Läufer begrüßen können.

Zwei dieser Läufe wurden erst auf der Marathonmesse im April vorgestellt. Einer davon, ausgerichtet von einem großen Lauf-Shop, führt direkt durch das Stadtzentrum. Der zweite, von Nike gesponsert, spielt sich größtenteils auf dem Gelände der berühmten Botanischen Gärten von Kew ab. Beide Läufe finden gleichzeitig am 22. Juli statt. Im vergangenen Jahr führte genau dieser Umstand dazu, dass man im Vorfeld eines der beiden Rennen absagte. Mittlerweile jedoch hat gerade der enorme Werbeaufwand, der seitens Nike betrieben wurde, dem “Läufermarkt” einen ungeahnten Schub verliehen.

Der Lauf wurde in einer Londoner Gratiszeitung, die praktisch jeder Pendler in den Vorortzügen liest, im Fernsehen und mit einer Plakatkampagne in der U-Bahn groß angekündigt. Jede Schaufensterauslage im „Niketown” am Oxford Circus war ganz darauf ausgerichtet, den Lauf zu verkaufen. Als dann schließlich die Anmeldung eröffnet wurde, war das Limit von 10 000 Startplätzen in nur drei Tagen vergeben. Die begrenzte Kapazität der Strecke im Botanischen Garten erfordert es nun, in drei Wellen im Abstand von jeweils 15 Minuten zu starten.

Der für den gleichen Tag angesetzte 10km-Lauf in der Innenstadt hatte eine spezielle Werbung gar nicht mehr nötig. Er ist sozusagen willkommener Ersatz für die große Schar der Enttäuschten, die keine Startnummer für das Nike-Rennen ergattern konnten (und die jetzt wissen, dass man schon vor dem Start schnell sein muss). Der dritte Zehner im Bunde, der bis voriges Jahr ein reiner Frauenlauf war, zählte bereits 3 000 Anfragen, bevor die Anmeldeformulare überhaupt gedruckt waren. Er findet am 1. Juli statt, doch dürfte die Teilnehmergrenze von 6 000 schon weit früher erreicht werden. Die Laufenthusiasten haben aus der „Nike-Erfahrung“ gelernt: Nur frühes Melden sichert die Teilnahme. Die Ausrichter stehen deshalb vor dem organisatorischen Problem, dass viele Läufer ihre Meldung unbedingt persönlich aushändigen wollen, weil sie der Post nicht trauen.

Was lernen wir daraus – außer, dass die Werbung funktioniert? Dass sie in diesem speziellen Fall so eingeschlagen hat, gibt uns einen Hinweis darauf, warum Leute zum Laufen kommen. Diese Kampagne wurde nämlich direkt in den Alltag der Londoner projiziert. Ob bei der U-Bahn-Fahrt oder beim Zeitunglesen, stets wurde man an den Lauf erinnert. Und was noch mehr zählte: Die Anzeigen stellten den potentiellen Läufer – mithin die Rezipienten der Werbung – ganz in den Mittelpunkt.

Das Konzept war, mit den Namen der dem Lauf vorausgehenden Monate gewissermaßen den Zuwachs an Fitness und Lebensfreude zu dokumentieren, etwa nach dem Motto: „April sagt, schaff den Bus“ – Mai sagt: „Renne nach dem Bus“; April sagt: „Nimm ein Taxi“ – Juni sagt: „Überhole es“; April sagt: „Stell dich an den linken Rand“ (auf der Rolltreppe in der Metro) – Juni sagt: „Renne rechts vorbei nach oben“. Alle Sprüche beziehen sich auf Dinge, die den Leuten in London aus dem Alltag wohl bekannt sind, weshalb sie auch sofort in aller Munde waren.

Hinzu kommt, dass die englischen Monatsnamen April, May und June zugleich auch gebräuchliche Frauennamen sind. Dazu muss man wissen, dass in den letzten Jahren reine Frauenläufe die größten Zuwachsraten verzeichneten. So gibt es die Serie „Race for Life“, die mittlerweile sechzig 5km-Läufe für Frauen umfasst. Auch die „Flora Women’s Challenge“ verzeichnete im dritten Jahr bereits 16 000 Teilnehmerinnen. Und selbst der Nike-Lauf wurde anfangs als Frauenlauf vermarktet und erst später auch für Männer geöffnet.

Die jüngste U-Bahn-Reklame („Juli läuft”) zeigt einen stilisierten Läufer, der allem Anschein nach männlichen Geschlechts ist. Das soll die Damen nicht schockieren, sondern wohl eher sagen: Da Männer und Frauen täglich dicht gedrängt in der U-Bahn zusammen stehen, können sie doch ruhig auch zusammen laufen. Der Erfolg der Frauenläufe in jüngster Zeit hat dem Straßenlauf einfach nur ein neues Potential eröffnet, war doch dieser Sport zuvor deutlich von Männern dominiert. Und Männer mit Frauen zusammen zu bringen (und umgekehrt), ist ohnehin noch nie ein Kunststück gewesen – dafür sorgt schon die Natur. Nun sind endlich die Voraussetzungen geschaffen, dass sich diese auch im Straßenlaufsport durchsetzt.

Hugh Jones


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